Pressemitteilung vom 01.05.2009:

„Musik nicht von dieser Welt“

Jochen Wehner im Interview

Jochen Wehner (73) hat sich nach der Wiedervereinigung als musikalischer Wegbereiter des Rundfunk-Blasorchesters Leipzig (RBO) und der Bläserakademie Sachsen einen Namen in der Blasmusikszene gemacht. Im Juni inszeniert er in Bühl mit mehr als 160 Akteuren zum Abschluss des Landes-Musik-Festivals 2009 ein „Fest der Klänge“.

Herr Wehner, in Bühl werden Sie einmal mehr mit Amateurmusikern arbeiten. Ist das eine besondere Herausforderung für Sie als ehemaliger Dirigent renommierter Profiorchester?
Nein, das ist kein Problem. Ich war als Chefdirigent des Rundfunk-Blasorchesters Leipzig auch lange Jahre künstlerischer Leiter der Bläserakademie Sachsen und arbeitete da bereits intensiv mit Dirigenten und Instrumentalgruppen aus dem Amateurwesen. Da reisten oft ganze Orchester an, um sich bei uns weiterbilden zu lassen, übrigens auch aus dem Bund Deutscher Blasmusikverbände.

Wie sind Sie überhaupt zum Rundfunk-Blasorchester – und damit zur sinfonischen Blasmusik – gekommen?

Anfang der 90er kam ich nach fünf traumhaften Jahren an großen Opernhäusern in Skandinavien zurück in die ehemalige DDR und war arbeitslos. Da kam der damalige Konzertmeister auf mich zu und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, die künstlerische Leitung des RBO zu übernehmen. Die Musiker kannten meine künstlerischen Ansprüche von früheren Engagements als Gastdirigent und wollten sicher deshalb erneut mit mir zusammenarbeiten. Das Rundfunkblasorchester blickte damals ja in eine ungewisse Zukunft und sie wussten: Entweder wir kommen ganz groß heraus oder das Ensemble stirbt für alle Zeit – wenige Tage später stand ich am Pult des Klangkörpers.

Sie waren nicht nur sehr erfolgreich mit dem RBO, sondern haben noch heute einen großen Bezug zur sinfonischen Blasmusik?
Ja, seitdem ich im Unruhestand lebe, dirigiere ich auch bei Amateurauswahlorchestern wie der Bläserphilharmonie Südwest, dem Sinfonischen Blasorchester Württembergisches Allgäu oder der Bläserphilharmonie Zollernalb. Ich inszeniere Bläserprojekte oder bin als Juror tätig. Die Amateurmusikszene ist für mich sehr interessant. Ich wohne nun seit acht Jahren am Bodensee und finde es großartig, dass hier im Süden so unglaublich viel musiziert wird. Das hat gesellschaftlich eine große Bedeutung und das unterstütze ich persönlich mit ganzer Kraft.

Beispielsweise mit Projekten wie dem Fest der Klänge in Bühl. Wie laufen denn die Vorbereitungen?

Die Erfahrungen bei diesem Projekt sind ausgesprochen erfreulich. Die Musiker sind mit größter Disziplin und Begeisterung bei den Proben dabei. Jeder einzelne Musiker ist auch bereit, Verantwortung für die Sache zu übernehmen. Das ist regelrecht zu spüren. Und die erstklassige musikalische Vorarbeit durch Markus Mauderer, Jürgen Burmeister und Joachim Volk, die vor Ort mit einzelnen Gruppen proben, ist unabdingbare Voraussetzung für so ein Mega-Projekt.

Wo liegen denn die besonderen Schwierigkeiten für die Musiker?

In dem Programm ist jede Instrumentengruppe gefragt. Es wird solistisch und technisch von allen sehr viel abverlangt, auch in den Bassregistern. Aber das ist für die Leute ja auch interessant. Sie werden gefordert. Besonders die Mehrchörigkeit ist für die meisten Musiker total neu. Sie sind es nicht gewohnt, dass mehrere Orchester zusammen spielen, die völlig verschiedene Parts übernehmen müssen. Der Dialog zwischen dem Hauptorchester und den auf dem Platz verteilten Orchestergruppen, das ist die ganz besondere Herausforderung bei unserem Konzertprogramm.

Und damit bestimmt ein nicht alltägliches Konzerterlebnis für Musiker und Besucher?
Bereits als Ronald Holzmann – der übrigens seit Beginn vorbildlich die Fäden im Hintergrund zieht – mit der Idee dieses besonderen Abschlusskonzerts auf mich zukam, war klar: Das muss ein Programm sein, das sich von tausend anderen Programmen abhebt. Und das sowohl in der Gesamtkonzeption, in der Werkauswahl, wie auch in der Bewältigung der musikalischen Materie. Ich könnte mit 160 Bläsern ja auch den Radetzkymarsch blasen. Aber da würde niemand kommen. Was wir hier bieten werden, ist etwas, das man außer bei den Opernaufführungen in Verona so fast nirgendwo zu hören bekommt. Ich setze durch meine große Erfahrung am Rundfunk und meine umfassende Kenntnis der Musikliteratur auf die besonderen Effekte, die durch die Mehrchörigkeit entstehen.

Sie ist also der Schlüssel zu einem einzigartigen Klangerlebnis?
In der Musikgeschichte haben die Komponisten früh erkannt, dass man bereits mit ganz bescheidenen Instrumentalgruppen, die zusätzlich zum Theaterorchester installiert wurden, hervorragende akustische Effekte erzielen kann. Die Ankündigung eines Boten, die Ankunft des Königs oder ein Schlachtgetümmel hinter der Szene sind gute Beispiele aus Theater oder Oper. Die Möglichkeit, dem Publikum so Simultanszenen vorzuführen, wurde von den Komponisten immer weiter ausgebaut. Wir zeigen in Bühl, welche räumlichen Vorstellungen von Musik die Komponisten der jeweiligen Epoche hatten, wie sie den Raum für akustische Effekte nutzten. Und das nicht in der Nussschale, sondern in der komplett originalen Version aus der Opernpartitur – natürlich mit einer reinen Bläserbesetzung realisiert.

Setzen Sie dabei ausschließlich auf die Gassenhauer der Opernliteratur?
Auf den ersten Blick sind es natürlich alles musikalische Höhepunkte, aber nicht allein Gassenhauer. Ich habe natürlich auch Highlights wie den Triumphmarsch aus Aida mit ins Programm genommen. Aber selbst der wird durch die mehrchörige Originalbesetzung zum absoluten Klangerlebnis. Die großen emotionalen Höhepunkte an diesem Abend – davon bin ich überzeugt – das sind mit dem Kriegszug der Römer aus dem dritten Finale der Wagner-Oper „Rienzi” und der Szene am Richtplatz aus Tschaikowskijs Oper „Mazeppa” zwei eher unbekannte Werke, deren grandiose Wirkung auch ohne Szenerie garantiert ist.

Wird das auch eine Herausforderung fürs Publikum?
Die Zuhörer werden die Schwierigkeit des Programms gar nicht wirklich empfinden. Die bekommen das Ergebnis unserer harten Probenarbeit als Einheit serviert. Ich mache auch jeweils eine kurze Werkeinführung, um den jeweiligen Kontext der Werke zu erklären: Wo sind wir in der Oper? Was passiert gerade? Die Erfahrung zeigt einfach: Man muss dem Publikum Orientierung geben. Und wenn dann noch die großartige Musik aus verschiedenen Richtungen und Winkeln des Raumes dazukommt, dann wird dieses Konzert fürs Publikum ein Aha-Effekt, nicht von dieser Welt. Es ist nicht vermessen zu behaupten, dass viele Freunde der sinfonischen Bläsermusik so etwas noch nicht gehört haben.

Und auf was freuen Sie sich ganz besonders?
Ganz ehrlich? In meiner 45-jährigen Laufbahn als Dirigent habe ich so viel erlebt und eine so große Bandbreite an Werken kennen gelernt und erarbeitet, da ist jedes Stück aus diesem Programm mit Erinnerungen verbunden und deshalb ein besonderes Erlebnis für mich. Aber noch viel mehr freue ich mich auf die ganze musikalische Arbeit, die bis zur Aufführung noch ansteht.

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